Retatrutid: Meine Erfahrung und Nebenwirkungen

Veröffentlicht am 29. Juli 2026

Ich habe Retatrutid nicht ausprobiert, weil ich ohne die Substanz nicht hätte abnehmen können. Im Gegenteil. Ich kann Kalorien zählen und ein Defizit einhalten. Meine Diät hatte ich unter Kontrolle. Ozempic und andere Präparate aus der Gruppe der GLP-1-Rezeptoragonisten hielt ich eher für unnötigen Luxus. Ich wollte sie allerdings nicht einfach abtun, nur weil ich selbst auch ohne sie eine Diät durchziehen kann.

Ich wollte am eigenen Körper erfahren, wie es sich tatsächlich anfühlt, eine solche Substanz anzuwenden. Vor allem rechnete ich mit weniger Hunger. Die größte Überraschung kam jedoch von anderer Seite: Nach einer großen, fettreichen Mahlzeit lag mir das Essen mehrere Stunden schwer im Magen.

Meine Erfahrung in Kürze

  • Bei der niedrigen Dosis war ich mir in den ersten beiden Wochen nicht sicher, ob ich überhaupt etwas spürte.
  • Der Hunger verschwand nicht völlig. Er fühlte sich nur weniger dringlich an, und eine kleinere Portion reichte mir.
  • Bei der höheren Dosis bekam ich nach großen oder fettreichen Mahlzeiten ein unangenehmes Völlegefühl, Druck im Bauch und Übelkeit.
  • Mein Alltag und meine Leistung im Fitnessstudio veränderten sich nicht wesentlich.
  • Mein Verlangen nach Zigaretten blieb unverändert.
  • Nur um meine Diät zu Ende zu bringen, war mir das Experiment den Aufwand nicht wert. Wertvoll war für mich vor allem die Erfahrung: Heute verstehe ich besser, wie solche Substanzen das Verhältnis zum Essen verändern können und warum sie Menschen mit ständigem Hunger so sehr helfen können.

Ausgangslage: das Ende einer Diät, kein Kampf gegen Adipositas

Ich bin 188 Zentimeter groß und wog zu Beginn etwa 85 Kilogramm bei einem geschätzten Körperfettanteil von 12 %. Ich mache regelmäßig Krafttraining, kämpfe normalerweise nicht mit starkem Hunger und kann mein Gewicht ohne größere Probleme halten. Retatrutid setzte ich erst in einer anspruchsvolleren Phase der Diät ein, als ich meinen Körperfettanteil auf ungefähr 10 % senken wollte.

Gerade deshalb war ich gegenüber solchen Substanzen ziemlich skeptisch. Ich dachte mir: Wenn ein Kaloriendefizit funktioniert, warum sollte man sich zum Abnehmen etwas injizieren? Erst später wurde mir klar, wo der Schwachpunkt dieser Überlegung lag. Ich hatte automatisch angenommen, dass andere Menschen Hunger ähnlich wahrnehmen wie ich.

Warum ausgerechnet Retatrutid? Retatrutid interessierte mich als neue Forschungssubstanz. Ich wollte wissen, wie es in einer Diätphase wirkt, und es war als Research Chemical erhältlich. Ich hatte keine Adipositas und suchte keine Behandlung. Ich wollte lediglich ausprobieren, wie es sich in der Schlussphase einer Diät auswirkt.

Retatrutid aktiviert die GLP-1-, GIP- und Glucagon-Rezeptoren. Es wäre wenig sinnvoll, hier noch einmal die gesamte Pharmakologie zu erklären. Für meine Geschichte ist entscheidend, dass gastrointestinale Beschwerden in den Studien zu den häufigsten Nebenwirkungen gehörten und ihr Auftreten dosisabhängig war.4

Zeitlicher Verlauf: vier Wochen und eine zu schnelle Titration

Die Tabelle zeigt mein damaliges Vorgehen und ist nicht als Empfehlung zu verstehen. Ich teilte die gesamte Wochendosis auf Montag und Donnerstag auf, während in den klinischen Studien einmal wöchentlich dosiert wurde.

ZeitraumGesamt pro WocheWas ich beobachtete
Woche 10,5 mgNichts Eindeutiges. Was ich bemerkte, könnte ein Placeboeffekt gewesen sein.
Woche 20,5 mgWenn kein Essen greifbar war, musste ich mich nicht sofort auf die Suche danach machen.
Woche 31 mgEine kleinere Portion reichte mir. Eindeutige Nebenwirkungen bemerkte ich nicht.
Woche 42 mgNach großen Mahlzeiten kamen Druck im Bauch und Übelkeit. Hier hörte ich auf.

Ich beschleunigte die Titration, weil sich die Diät dem Ende näherte und ich Retatrutid nicht lange anwenden wollte. Rückblickend weiß ich, dass das zu schnell war. Retatrutid hat eine biologische Halbwertszeit von ungefähr sechs Tagen, und ich erhöhte die Dosis jedes Mal, bevor sich der Wirkstoffspiegel dem Steady State annähern konnte.5 Deshalb konnte ich die Wirkung einer bestimmten Dosis nicht von der allmählichen Anreicherung der Substanz im Körper unterscheiden.

Warum ich die Dosis aufgeteilt habe und welche Überlegungen dahinterstanden, beschreibe ich ausführlich in meinem Artikel über Retatrutid in der Diät und Split-Dosierung. Hier bleibe ich bei meiner eigenen Erfahrung.

Der Hunger blieb. Große Mahlzeiten rächten sich

Ich erwartete einen einfachen Effekt: weniger Hunger und dadurch weniger essen. Bei mir war es subtiler. Ich hatte weiterhin Hunger, vielleicht etwas weniger als sonst. Der wichtigste Unterschied war, wie ich mich nach dem Essen fühlte.

Kleinere Portionen, ein Salat oder eine normale Mahlzeit mit einigen Hundert Kalorien waren kein Problem. Sobald ich aber einen großen Burger, einen Döner, eine Pizza oder eine andere große und fettreiche Portion aß, meldete sich mein Magen deutlich. Mir war nicht einfach grundlos übel. Das unangenehme Gefühl kam vor allem dann, wenn ich auf einmal zu viel gegessen hatte.

Vor einem Training wurde mir das besonders deutlich. Normalerweise aß ich ungefähr 90 Minuten vorher eine Mahlzeit mit rund 900 Kalorien und reichlich Kohlenhydraten, Fett und Protein. Dieses Mal ging ich mit Druck im Bauch und leichter Übelkeit ins Training. Ich musste mich nicht übergeben und hatte auch nicht das Gefühl, dass es dazu kommen würde. Aber mehrere Stunden lang spürte ich, dass die Portion zu groß gewesen war.

Von da an dachte ich anders über Essen nach. Wenn jemand vorschlug, Pizza zu bestellen, reichte schon die Vorstellung davon, wie ich mich danach fühlen würde. Es ging also nicht nur um Sättigung. Eine große Portion war für mich schnell mit mehreren unangenehmen Stunden verknüpft. Kleinere und leichtere Mahlzeiten wählte ich danach fast automatisch.

Das ist meine Beobachtung, keine allgemeingültige Regel. Aus einer einzelnen persönlichen Erfahrung lässt sich nicht ableiten, dass Retatrutid bei jedem das Essverhalten verändert oder dass jedem nach fettreichem Essen übel wird.

Alltag und Leistung im Fitnessstudio

Retatrutid beeinträchtigte meinen Alltag nicht wesentlich. Ein normales Mittagessen im Restaurant war kein Problem. Auch bei einer Feier hätte ich normal mitgegessen, vermutlich aber die Suppe oder das ständige Naschen am Buffet ausgelassen. Chips, Tapas und andere Kleinigkeiten, die man über den Abend verteilt isst, reizten mich einfach weniger als sonst.

Im Fitnessstudio bemerkte ich weder einen direkten Leistungsabfall noch ungewöhnliche Müdigkeit. Solange ich auf genügend Kohlenhydrate achtete und vor dem Training keine unsinnig große Portion aß, konnte ich normal trainieren. Meine Kraft blieb gleich oder nahm leicht ab, was ich gegen Ende einer Diät für üblich halte. Sprints oder lange Ausdauereinheiten machte ich in dieser Zeit nicht. Deshalb weiß ich nicht, wie sich Retatrutid dabei ausgewirkt hätte.

Ich wollte außerdem wissen, ob sich mein Verlangen nach Zigaretten verändern würde. Das tat es nicht. Ich rauchte genauso wie vorher, und die einzige Wirkung, die ich bemerkte, betraf das Essen.

An manchen Tagen nahm ich zusätzlich Kratom, was die Auswertung erschwert. Gerade an diesen Tagen spürte ich stärkere Spannung im Bauch und hatte Verstopfung. Ich kann jedoch nicht beurteilen, ob die Kombination der Substanzen, Retatrutid allein, Kratom, meine Flüssigkeitszufuhr oder die Zusammenstellung meiner Mahlzeiten dafür verantwortlich war. Es wäre nicht ehrlich, dies als nachgewiesene Wechselwirkung darzustellen.

Wie viel habe ich mit Retatrutid abgenommen?

Ich schreibe in diesem Artikel bewusst nicht, wie viele Kilogramm ich verloren habe. Gleichzeitig zählte ich Kalorien, hielt ein Defizit ein und hätte die Diät auch ohne Retatrutid beendet. Deshalb kann ich die Gewichtsveränderung nicht einer einzelnen Substanz zuschreiben.

So viel kann ich sagen: Hätte ich meine Kalorien nicht gezählt, hätte ich wahrscheinlich weniger gegessen. Kleinere Portionen reichten mir, und große, fettreiche Mahlzeiten reizten mich nicht. Das ist jedoch eine Schlussfolgerung aus meinem eigenen Verhalten, kein gemessenes Ergebnis.

Was nach dem Absetzen von Retatrutid geschah

Als ich 2 mg erreicht hatte, näherte sich die Diät bereits ihrem Ende, und mein Körperfettanteil sank unter 10 %. An manchen Tagen fiel es mir schwer, genug zu essen, um mein Gewicht zu halten, wenn ich mich nicht bewusst darauf konzentrierte. Den Appetit noch weiter zu dämpfen ergab keinen Sinn mehr, also setzte ich Retatrutid ab.

Die Wirkung verschwand nach dem Absetzen nicht von einem Tag auf den anderen. Angesichts der biologischen Halbwertszeit von etwa sechs Tagen war das nicht überraschend.5 Ich kehrte allmählich zur Normalität zurück. Eines der ersten Anzeichen war die wiederkehrende Lust auf Süßes, die während des Experiments praktisch verschwunden war.

Wie Retatrutid meine Sicht auf die Adipositasbehandlung verändert hat

Vor dem Experiment sah ich es ganz einfach: App installieren, Kalorien erfassen, abnehmen. Nach wie vor entscheidet die Energiebilanz darüber, ob man Gewicht verliert. Doch erst während des Experiments wurde mir klar, wie unterschiedlich schwierig es für Menschen sein kann, ihre Energiezufuhr unter Kontrolle zu halten.

Ich verspüre offenbar nicht so starken Hunger wie viele andere Menschen. Deshalb kann ich meine eigene Erfahrung mit Diäten nicht auf jemanden übertragen, der den ganzen Tag ans Essen denkt und für den jedes Defizit eine Qual ist. Wenn es für den jeweiligen Gesundheitszustand eine zugelassene Behandlung mit einem günstigen Nutzen-Risiko-Verhältnis gibt, halte ich deren Einsatz nicht für mangelnde Disziplin.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ich mein eigenes Vorgehen anderen empfehle. Eine ärztlich begleitete Adipositasbehandlung ist etwas anderes als mein kurzer Selbstversuch am Ende einer Diät.

War es das wert?

Rein praktisch betrachtet: nein. Ich hätte die Diät auch ohne Retatrutid beendet. Die schnelle Titration brachte mir außerdem ein Problem ein, das ich vorher nicht hatte: Genug zu essen, um trainieren und mein Gewicht halten zu können, wurde zeitweise zur Pflicht.

Als Erfahrung dagegen: ja. Ich muss mir nicht mehr vorstellen, wie eine solche Substanz die Wahrnehmung von Hunger, Portionsgrößen und Essen im Allgemeinen verändern kann. Ich habe es selbst erlebt. Gleichzeitig habe ich verstanden, dass Nebenwirkungen kein Beweis dafür sind, dass eine Substanz „endlich wirkt“. Sobald die niedrigere Dosis ihren beabsichtigten Zweck erfüllte, gab es keinen vernünftigen Grund, die Dosis nur zu erhöhen, um mehr davon zu spüren.

Wenn ich nur den Ablauf des Experiments bewerte, war das Tempo mein größter Fehler. Ich blieb bei jeder Dosis zu kurz und versuchte, alles noch vor Ende der Diät durchzuziehen. Aber selbst die sorgfältigste Tabelle macht daraus kein kontrolliertes Experiment.

Häufige Fragen

Wie hat Retatrutid meinen Hunger beeinflusst?

Der Hunger verschwand nicht vollständig, war aber weniger dringlich, und eine kleinere Portion machte mich satt. Der größere Unterschied lag darin, dass ich keine großen, schweren Mahlzeiten essen wollte, weil ich mich danach unangenehm voll fühlte.

Welche Nebenwirkungen hatte ich?

Druck und Völlegefühl im Bauch, leichte Übelkeit nach großen Portionen und gelegentliche Verstopfung. Ich musste mich nicht übergeben; die Übelkeit trat nur im Zusammenhang mit Mahlzeiten auf.

Hat Retatrutid meine Leistung im Fitnessstudio beeinflusst?

In meinem Fall nicht direkt. Ich musste die Portionsgröße und den Zeitpunkt meiner Mahlzeit vor dem Training anpassen. Den leichten Kraftverlust schrieb ich dem Kaloriendefizit zu und nicht dem Retatrutid.

Würde ich Retatrutid noch einmal anwenden?

Für eine ähnliche Diät nicht. Den größten Wert hatten für mich die Erfahrung selbst und meine veränderte Sichtweise, nicht das Ergebnis auf der Waage.

Quellen

  1. ClinicalTrials.gov. A Study of Retatrutide (LY3437943) in Participants Who Have Obesity or Overweight (TRIUMPH-1). NCT05929066. Phase-3-Studie; Status „Completed“, zuletzt aktualisiert am 3. Juni 2026. Studieneintrag. Abgerufen am 22. Juli 2026.

  2. U.S. Food and Drug Administration. FDA’s Concerns with Unapproved GLP-1 Drugs Used for Weight Loss. Die FDA führt Retatrutid auf dieser Seite unter den nicht zugelassenen GLP-1-Substanzen auf. FDA. Abgerufen am 22. Juli 2026.

  3. Europäische Kommission. Union Register of medicinal products for human use. Retatrutid ist im Register nicht als Arzneimittel mit gültiger Zulassung für die Anwendung in der EU aufgeführt. Unionsregister. Abgerufen am 23. Juli 2026.

  4. Jastreboff AM, Kaplan LM, Frías JP, et al. Triple–Hormone-Receptor Agonist Retatrutide for Obesity — A Phase 2 Trial. N Engl J Med. 2023;389:514–526. DOI: 10.1056/NEJMoa2301972. Der Studie zufolge waren gastrointestinale Beschwerden die häufigsten Nebenwirkungen; sie waren dosisabhängig und überwiegend leicht bis mittelschwer.

  5. Urva S, Coskun T, Loh MT, et al. LY3437943, a novel triple GIP, GLP-1, and glucagon receptor agonist in people with type 2 diabetes: a phase 1b, multicentre, double-blind, placebo-controlled, randomised, multiple-ascending dose trial. Lancet. 2022;400:1869–1881. DOI: 10.1016/S0140-6736(22)02033-5. Die Studie nennt eine Halbwertszeit von etwa sechs Tagen. 2

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Autor

Ondřej

Gründer von Morpheus Peptides, begeisterter Kraftsportler und Biohacker. Neue Ansätze erforscht er nicht nur theoretisch — er testet sie zuerst an sich selbst. Er übersetzt Forschung in praktisch nutzbare Informationen für Sportler und Gesundheitsinteressierte.

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